03 Dez

Wo die Urgroßeltern aufschlugen – Berlin wie es leibte und lebte

Der karierte Koffer war in Berlin. Dieser Hauptbahnhof will in mühseliger Kleinarbeit erkundet werden. Die gute Nachricht: Wenn man bei den vielen gleichzeitig gesprochenen Ansagen bezüglich der vielen Verspätungen und Gleisänderungen einfach weghört, kriegt man manchmal den richtigen Zug. Und ganz versteckt zwischen all den Konsumangeboten gibt es auch hier Schließfächer!neujahr1-014

Die Kofferträgerin führt es nach Berlin-Cölln, in die so kurze wie repräsentative Brüderstraße. Dort hat 1905 die Berlinische Feuerversicherungsanstalt, die älteste deutsche AG einen vierstöckigen, neobarocken Neubau errichtet, aus Sandstein. Er reicht über zwei Hausnummern und verfügt über eine Belle-Etage mit sehr hohen Decken. Berlin tanzte, so schreibt man, in wirtschaftlicher Not auf dem Vulkan, als Maria Holub, geborene Poetschke, Anfang der 1920er-Jahre aus den von ihr geliebten Weiten Sibiriens und deren von ihr mehr als alle anderen geschätzten Bewohnern in der Brüderstraße 11 – 12 eintraf. Sie hat ihren Enkeln viel von Krasnojarsk erzählt, weniger vom hochherrschaftlichen Haushalt in Alt-Cölln, heute eher Mitte genannt. Wir wussten, dass: „Du bist wie die Amama!“ von Durchsetzungsvermögen und anderem Vermögen handelt. Und wir stellten uns gerne einen hohen Raum, gefüllt nur mit Ballkleidern und Faschingskostümen oder die Schwiegermutter der Großmutter, die gegen 11 Uhr beim zahlreichen Personal Grünkohl mit allen Beilagen zum Mittag orderte. Auch für die Schwiegertochter gab es zu tun, dabei wäre sie doch viel lieber mit ihrer 1920 in Sibirien geborenen Tochter Gertrud um die Häuser gezogen und hätte sich von den Strapazen des Krieges und der Kriegsgefangenschaft erholt. Ihr Schwiegervater, der Direktor der oben genannten Feuerversicherung, ist vielleicht ein bisschen aus den Seiten seines Stammbuches getanzt, da gab es nämlich in früheren und späteren Generationen viele Forscher und Ärzte, wie den berühmten Emil Holub, den Afrikaforscher oder seinen Sohn, der nach ein paar Semestern Medizin in Sibirien ein Lazarett geleitet hat. Dessen Tochter Gertrud war von ähnlich entschlossener, kompetent-zupackender Art: Sie gründete knapp nach dem nächsten Krieg in Neu-Isenburg eine Kinderarztpraxis und erledigte die Hausbesuche mit quietschenden Reifen in einem Sportwagen. Zurück zur „Landschaft“ der Amama. Die führte ihr betuchtes Regiment unter Jugenstilfiguren, hinter hohen Fenstern nicht weit vom Köllnischen Fischmarkt, von der Getraudenbrücke, von der Petrikirche.

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Später in ihrem Leben hat sie dann einen Garten in der Nähe von Elbing regiert. Mein Urgroßvater war Generaldirektor der Berlinischen Feuerversicherung. Durch die Inflation ging ihr Wohlstand verloren, Maria ist mit dem Leiterwagen losgefahren, um Weinflaschen zu verkaufen. Die Amama, vin ihren Bediensteten nur „Gnädigste“ genannt, hatte laut ihrer jüngsten Enkelin „einen starken Willen“, war wohl auch ein wenig herrschsüchtig. Als ihr Mann 1923 starb, folgte sie ihrem Sohn Fritz ins ostpreußische Freystadt. Die Amama kam mit und herrschte dort zwar nicht mehr über einen hochherrschaftlichen Haushalt, aber über einen großen Garten mit Bienenhaus und Gartenhaus und viel Gemüse. Sie ließ ihre Enkelinnen mit Emaille-Nachttöpfen Raupen sammeln, dafür bekamen sie ein paar Pfennige. Und ihr laut mündlicher Familienchronik steinreicher Mann erzählte manchmal vom Afrikaforscher. Fritz und Maria träumten nicht von Afrika, sie wollten zurück nach Sibirien. Das war aus politischen Gründen seinerzeit schwierig, und es war sehr ungewöhnlich. „Nach Sibirien kam niemand freiwillig“, sagt meine Freundin Ljuba, bekennendes „Taigamädchen“. So landeten die Großeltern mütterlicherseits dann dort, wo Ostpreußen am deutschesten war: In Freystadt.

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Aber das ist eine andere Geschichte. Bleiben wir in Berlin, steigen am Bahnhof Blankenburg aus. Als der Erste Weltkrieg verloren war, trafen dort auch Marias Eltern ein. Die Urgroßeltern Poetschke kamen mit dem Schiff aus Wladiwostock. Sie waren Baltendeutsche und hatten in Schmucken, im Kurland westlich von Riga eine Mühle und Wolldockerei betrieben. Als die Baltendeutschen das Baltikum verlassen mussten, hatte sich Emilie mit Tochter Maria und….zum Sohn ….aufgemacht. Der war Lehrer in Krasnojarsk. Dort arbeitete Maria alsbald in einer Apotheke, wo sie wiederum Fritz kennenlernte. Die Hochzeit war bedingungslos einfach und Fritz betrieb in der Einzimmerunterkunft eine Arztpraxis. Maria wickelte sich ein Kopftuch um, sprach fließend russisch, egal ob mit den Roten oder den Weißen. Kommunikation hat in dieser Familie manches Leben gerettet. Marias Eltern ließen sich in Französisch-Buchholz, hinter Pankow nieder, in jenem Stadtteil von Berlin, in dem noch heute manches an napoleonische Zeiten erinnert. „Hauptstraße 26 – Erbaut 1876“ steht über der Haustür.

neujahr1-022Nebenan werden jetzt Cadillac verkauft, in der Nummer 26 bietet der Großhandel Kramm „täglich frische Kräuter aus Französisch-Buchholz“. Die Geschichte der Gaststätte an der Straßenbahnhaltestelle begann Anfang des 18. Jahrhunderts. Als meine Urgroßeltern zuzogen, gab es schon einen Tanzsaal, später wurde hier der Film „Der eiserne Gustav“ mit Heinz Rühmann gedreht. Seither trägt das Lokal diesen Namen und ist berühmt für Eisbein, Sülze und Rinderroulade.